„Das ist jetzt nicht dein Ernst?“ Vela lief neben Fian her. „Das hast du nicht wirklich gemacht?“
Fian sah sie von der Seite an: „Ich verstehe nicht, was habe ich denn genau getan? Die nette Dachsdame hat sich einfach bedanken wollen… ich habe nun wirklich nicht geplant, dass wir ihr gerade jetzt über den Weg laufen.“ Vela schnaubte verärgert. „Darum geht es gar nicht.“
„Worum denn dann?“
„Na, eben darum…“ Sie holte Luft und ahmte mit zuckersüßer Stimme nach: „Ich möchte mich noch mal bei dir bedanken, du warst ja so lieb. Was hältst du davon, wenn wir heute Nachmittag zusammen bei mir Kekse backen? Und deine süße Freundin ist natürlich auch eingeladen.“ Ihr Blick wurde wieder eisig, genau wie ihr Ton. „Und was hast du gemacht?“
Fian sah sie schief an. „Na ja, sie hat lieb gefragt, ich habe natürlich zugestimmt. Oder magst du keine selbstgebackenen Kekse?“ Sie schlug mit ihrer Kralle verärgert einen dicken Ast von einem Baum. „Du weißt GANZ GENAU, was ich meine!“ Als Fian leicht zur Seite ausscheren wollte, packte sie ihn am Genick und zog ihn heran. „Nenenenene… so nicht.“ Fians Ohren klappten nach hinten. „Wir müssen ja nicht hingehen. Aber ich würde gerne mit der Dachsdame Kekse backen… Wenn du nicht magst, dann lass es, ich werde das schon auch ohne dich hinbekommen.“
Sie drehte ihn am Genick zu sich hin, Auge in Auge. „Deine süße Freundin? Das hat sie doch mit voller Absicht gesagt“, meinte sie schneidend und ließ ihn wieder los. Fian schüttelte sich kurz, ebvor er Vela mit einem unschuldigen, halb leicht überforderten Blick ansah. „Vela, sie ist eine ältere Dachsdame“, begann er vorsichtig und trat einen Schritt zurück auf den weichen Moosboden des Pfades, sicherheitshalber außer Reichweite ihrer Krallen. „Sie hat eine Brille, die mit Zwirn geflickt ist, und backt wahrscheinlich mit getrockneten Ebereschen und Waldhonig. Für sie ist jeder unter fünfzig Sommern entweder ein Jungspund oder eben… süß. Was hätte ich denn sagen sollen? Nein danke, werte Dame, meine zufällig durch Schicksal ausgewählte Wegbegleitung hier würde wahrscheinlich Eure erhabenen Mehlspeisen als Affront gegen sich betrachten?“
„Sie hat Freundin gesagt!“, zischte Vela, trat ihm hinterher und verschränkte die Arme vor der Brust, während ihre Schwanzspitze verärgert von einer Seite zur anderen peitschte. „Und sie hat mich dabei angesehen, als wäre ich ein verirrtes Frettchen, das man mit einem Stück Schmalzgebäck ruhigstellen muss, während sie mit dir über ihre geheimen Kräutermischungen in Brot- und Kuchenrezepten diskutiert!“ Fian konnte ein schiefes, fast unmerkliches Zucken im Mundwinkel seiner Schnauze nicht ganz unterdrücken. „Ja gut, das ist ein Argument, aber zu meiner Verteidigung, was hätte ich denn sagen sollen? Wenn du nicht gerade als Jägerin in der Nacht mit unheimlich leuchtenden Augen auf Pirsch bist – gib es zu –, bist du ja auch… nennen wir es handlich? Also, wenn du nicht gerade Äste von armen Eichen schlägst, siehst du durchaus nicht gänzlich furchterregend aus.“ Velas Blick verengte sich zu zwei schmalen, eisblauen Schlitzen. Ihre Ohren legten sich flach an den Kopf. „Sag das noch einmal, und ich sorge dafür, dass deine Laute heute Nachmittag als Teigroller herhalten muss.“ „Schon gut, schon gut!“, hob Fian beschwichtigend beide Pfoten und seufzte leise in den kühlen Herbstwald. „Sieh mal…“, fuhr er anschließend ruhiger fort und legte den Kopf ein wenig schief, „ich habe der guten Dame doch lediglich geholfen, ihren Karren aus dem Schlammloch am Bach zu ziehen. Dass sie uns dafür frische Kekse verspricht, ist einfach… Dankbarkeit – Gastfreundschaft eben. Das, was man Reisenden anbietet. Mehr nicht. Ich verstehe wirklich nicht, worüber du dich gerade aufregst. Sie hat doch gar nichts gemacht.“
Vela blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie nicht… Du hast das verbockt!“ Fian blieb außerhalb ihrer Reichweite stehen und drehte sich um: „Und was habe ich jetzt getan?“
„Nichts“, antwortete sie.
Er legte den Kopf schief und überlegte.
Sie schlich näher und gab ihm mit der Rückseite ihrer Kralle eine Kopfnuss. „Na, kommen wir drauf?“, fragte sie genervt. „Oder brauchst du noch einen Tipp mehr von deiner… ‚Freundin‘?“
Fian rieb sich die Stirn. „Oh Mann, das mit der ‚Freundin‘ meinst du?“ Vela verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte ihn an. „Ah… man muss also nur beim Schädel anklopfen und dann sagt jemand hallo…“
Fian hielt ihrem Blick stand. „Du liebe Zeit, bist du empfindlich. Was stört dich daran denn so, Freunde haben zu wollen?“ Fian stellte seine Ohren auf und sah sie neugierig an. Vela erstarrte für den Bruchteil eines Wimpernschlags. Dann zuckte ihre Schnauze, und in ihren eisblauen Augen loderte für einen Moment die unbändige Kälte der Ewigen auf, untermalt von einem tiefen, rauen Knurren. „Freunde?“, stieß sie hervor, während sie einen Schritt zurückwich und die Weite des Waldes musterte. „Ich bin eine Jägerin, Fian. Ich ziehe unbarmherzig durch die Tiefen dieser Wälder, um den roten Tribut nach den Gesetzen von Klaue und Fang einzufordern – und nicht, um Kaffeekränzchen abzuhalten oder… oder Händchen haltend in einem Kreis zu tanzen!“
„Siehst du“, entgegnete Fian fast seelenruhig und ließ die Ohren leicht nach vorne kippen, wärend er sie mit diesem unerträglich verständnisvollen Blick musterte, „genau das meine ich. Niemand hat etwas von Tanzen gesagt. Es geht um Kekse.“ Sie drehte sich brüsk um. „Es geht nie um Kekse! Freunde machen sentimental. Freunde wollen reden. Freunde… Freunde könnten auch der nächste Tribut sein…“
Fian trat näher heran und legte seine Pfote sanft auf ihre Schulter. Seine Stimme war toternst. „Ja. Aber Freunde sind auch füreinander da und holen Hilfe, wenn sie gebraucht wird. Freunde vertrauen einander, wenn sie in Schwierigkeiten stecken. Freunde helfen sogar einem kleinen, verlorenen Barden mit Halsband, obwohl sie es niemals nötig gehabt hätten, ja, ihn erst einen einzigen Nachmittag lang kannten. Sie sind einfach da. Auch wenn es für den Verstand manchmal keinen Sinn ergibt.“
Vela spannte ihre Schultern an. Das Fell an ihrem Nacken sträubte sich unter seiner Berührung, doch sie schlug seine Pfote nicht weg. Stattdessen trat sie einen Schritt nach vorn und drehte sich langsam wieder zu ihm um. In ihren Augen leuchtete das unheimliche Blau der Ewigkeit. „Erinnere mich nie wieder daran“, sagte sie leise. „Es war eine Sekunde von Schwäche, sonst nichts.“ Fian erwiderte ihren Blick ohne ein Wort, seine Ohren aufmerksam nach vorn gerichtet. Vela hielt seinem Blick einige Herzschläge lang stand, ehe sie den Kopf zur Seite riss. Sie griff nach dem Riemen ihres Jagdmessers, und marschierte mit energischen Schritten den gewundenen Pfad hinab, die Richtung, aus der bereits der feine Duft von brennendem Birkenholz und warmem Gebäck durch das herbstliche Dickicht wehte.
„Komm schon, Barde“, rief sie über die Schulter, ohne das Tempo zu drosseln. „Wenn diese Dachsdame uns verbrannten Teig vorsetzt, bist du derjenige, der die Höflichkeitslieder trällern muss. Nicht ich.“
Ein warmes, leises Lächeln legte sich auf Fians Schnauze. Er griff nach dem Gurt seiner Laute, und folgte ihren Spuren durch das Moos.