Das Halsband

Der herbstliche Vormittag lief entspannt.

Hauptsächlich verbrachten Fian und Vela damit, den Garten wieder auf Spur zu bringen und das ganze zertrümmerte Holz einzulagern. Fian stand vor dem Holzlager an seiner Hütte und pfiff leise durch die Zähne. „Was denn?“, fragte Vela und stellte sich neben ihn auf. „Naja, …“ meinte Fian, „so viel Feuerholz für den Winter habe ich noch nie gehabt. Und dann…“ er deutete auf diese absolut akkurat ausgeführten Hiebe am gespaltenen Holz, „.. das finde ich echt faszinierend.“

Er sah sie beeindruckt an. „Du weißt, wie man mit Klauen umgeht…!“ Vela sah den kleinen Barden an und wusste nicht so ganz, was sie jetzt auf diese Erkenntnis antworten sollte, die er da gerade zum Besten gegeben hat. Daher zuckte sie kurzfristig mit den Schultern und beschloss, das Thema für erledigt zu betrachten. „Ich kann das halt.“, antwortete sie knapp und drehte sich um und ging zu dem Apfelbaum zurück.

Fian sah ihr nach und musterte sie von hinten. „Ich kann dich schon wieder denken hören … !“ rief sie über die Schulter. „Daran müssen wir echt arbeiten.“ Fians Ohren klappten schuldbewusst nach hinten. „Ja, ich verstehe etwas gerade nicht.“

Sie setzte sich mit der Eleganz fallenden Schnees in das Herbstlaub unter dem Apfelbaums und sah ihn an. „Ja, und wo ist dein Problem damit? Manchmal muss man etwas nicht verstehen, um es zu tun. Das hatten wir doch schon.“ Fian schnaubte leicht verärgert. „Das sagt die, die das Sagen hat…“

Sie setzte sich auf und sah ihn jetzt trocken an. „Jetzt stelle ich mal eine Frage, …“ – Fian verschränkte seine Arme: „Nur zu, du kriegst eine Antwort“.

Velas Augen blitzten auf. „Wer hat denn am Waldsee beschlossen, das blöde Halsband tragen zu wollen bis wann eigentlich?“ – Fian holte tief Luft und, ja, blieb still.

Vela stand auf und ging auf ihn zu.

Sie tippte mit ihrer Pfote rigide auf den Ring und meinte trocken: „Und wenn wir weiter fragen würden, wer von uns hat denn diesem blöden Ding eine Bedeutung gegeben?“ Fian blieb still stehen und sagte wieder nichts. „Und außerdem, wer hatte denn auf der Straße das Ding abmachen wollen und es dann nicht getan? … Obwohl ich gesagt habe nur zu, trau dich.“

Sie sah ihn mit eisiger Stille an. „Ja, mein kleiner Barde, das warst Du. Ganz alleine.“ Sie sah Fian einfach nur an. Still und schweigend. Und wartete auf eine Antwort. Dann tippte sie wieder auf seine Stirn. „Und weißt du was? Da drinnen sammeln sich gerade bestimmt so viele Worte, dass Du selber nicht mehr weißt, was du glauben sollst. Und eigentlich ist die Antwort auf die wichtigen Fragen, … doch direkt vor dir. Und dein störrischer Bardenschädel guckt in alle anderen Richtungen.“

Dann packte sie den Ring vom Halsband und zog Fian aus dem Gleichgewicht. „Siehst du? Das Ding hilft dir auch nicht weiter, wenn du sowieso am Stolpern bist.“ Dann setzte sie sich wieder unter den Apfelbaum und genoss die morgendliche Herbstsonne.

Fian stand immer noch da und fasste sich selber an das Halsband. „Aber warum trage ich es noch, wenn es eigentlich nutzlos ist?“ Velas Ohren stellten sich aufmerksam auf. „Ja, das ist eine gute Frage, warum eigentlich …? Hast Du auch eine Antwort darauf für mich?“

Nach einer Weile antwortete Fian leise: „Weil ich dich einfach mag. Und dir vertraue. Obwohl ich nicht weiß, ob es gut ist. Aber das Halsband ist von dir. Und du hast es gut gefunden. Wenn ich nicht verstehen muss, um etwas zu akzeptieren, dann ist das doch nicht falsch, wenn es mir hinterher etwas bedeutet. Denn sonst hätte es von Anfang an keinen Sinn gehabt. Und das Ergebnis war, dass wir am Waldsee saßen. Und reden konnten.

Also bedeutet es etwas, und das nicht für mich, sondern auch für dich. Ich habe nur noch nicht herausgefunden, was genau.“

Velas Ohren zuckten ein paar Mal nachdenklich, ehe sie zu einer Antwort ansetzte: „Kleiner Barde, OK, du trägst das Ding. Und du magst es zu tragen, weil es von mir kommt. Meinetwegen. Aber …. magst du mich, weil du mir vertraust, oder vertraust du mir, weil du mich magst?“

Fian sah sie mit Unverständnis an: „Warum ist das wichtig? Ich mag dich und ich vertraue dir, was woraus kommt, ist doch völlig egal, das Ergebnis ist dasselbe. Ich stehe hier und du sitzt dort. Und selbst wenn Du jetzt einfach aufstehst und das Halsband wegnimmst, würde es an dieser Schlinge nichts ändern.“