Ein schweres, ledergebundenes Buch mit den feinsten Himmelsbeobachtungen der letzten Jahrhunderte lag aufgeschlagen in der Mitte des Tisches. Ein Fuchs mit einer Lesebrille auf der Schnauze strich behutsam
über die detailreichen Tuschzeichnungen der Sternenpfade.
„Wir müssen das alles wegräumen“, murmelte der Fuchs, und schüttelte ein wenig verwundert seinen Kopf. „Wenn diese Menschen hier eintreffen und unsere Art zu leben sehen, was sollen sie dieses Mal denken? Ich meine, wenn man die Aufzeichnungen über den letzten Besuch sich anschaut, das war nach dem Fest ein Desaster… Die Wölfe haben Verbindlichkeiten eingefordert, die Menschen haben sich geweigert, sie anzuerkennen, und am Ende wurde es dann immer unschöner… Das sollten wir grundlegend anders angehen. Glücklicherweise haben wir zu dieser Stunde einen langjährigen Weltengänger hier am Tisch sitzen.“
Alle schauten zu einem schwarzen Wolf mit markanter Narbe durch sein Auge, wie er gelassen am Tresen etwas Met trank, und mit einer Händlerin der Luchse leise flüstert. Dann stellte er den Bierkrug mit einem ungewöhnlich anmutenden Logo auf den Tresen und legte dazu einen Zettel, auf dem „Nicht anfassen!“ stand. Dann nahm er eine Kiste auf und setzte sich entspannt an den Tisch.
„Ich finde das jetzt ironisch, dass ausgerechnet ein Sakraljurist uns jetzt beraten soll, wie man die Wölfe
überredet, nicht alles gleich auf die Goldwaage zu legen, nur weil jemand etwas erwähnte, was den Wolfsliedern entspricht.“, kam von einem Eber, der mit am Tisch saß. Der Wolf sah den Eber kurz an und antwortete dann: „Ah,und warum darf ein Wolf nicht auch alternativ denken dürfen? Wo steht das geschrieben?“ Der Eber holte kurz Luft, und sagte dann nichts. „Dachte ich mir, mein Freund…“, sagte der schwarze Wolf und sah dann in die Runde, „Also, ihr habt mich gebeten, an diesem Treffen teilzunehmen?“
Blackie öffnete mit einer dramatischen Langsamkeit die Kiste, die er mit an den Tisch gebracht hatte.
Darin lagen einige seltsame Artefakte der Menschenwelt – ein merkwürdig leuchtendes, flaches Rechteck aus Glas, ein aus weichem Schaumstoff geschmiedetes Schwert und ein dickes, bunt bedrucktes Regelwerk für ein sogenanntes „Rollenspiel“.
„Um deine unausgesprochene Frage zu beantworten, mein borstiger Freund“, begann Blackie und lehnte sich entspannt zurück. Seine markante Narbe über dem rechten Auge zog sich leicht zusammen, als er
ein trockenes Schmunzeln zeigte. „Ich bin genau deshalb hier, weil ich nicht nur „als Sakraljurist von Klaue and Fang“ die Wolfslieder in- und auswendig kenne. Sondern weil ich weiß, dass das, was wir als heilige, blutbindende Eide betrachten, für die Menschen in etwa so verbindlich ist wie…“
Er tippte mit einer Kralle auf das Schaumstoffschwert.
„…Diese Waffe hier tödlich. …“
Ein irritiertes Raunen ging durch die Runde. Der Fuchs, der eben noch die Sternenkarten studiert hatte, schob seine Lesebrille ein Stück hinauf. Er nahm das Schaumstoffschwert hoch und fuchtelte damit herum. „Warte mal, Du willst echt sagen, ein Mensch dieser Zeit würde bei der Mondin schwören, eine Schuld zu begleichen oder einen Zwist zu zu klären, und dann rennt er *damit* los, woraus das auch immer gefertigt ist? ich meine, ich finde es gut, dass die nicht mehr mit blankem Stahl hier auftauchen, aber… das ist doch Selbstmord damit, sich der Klaue eines Jägers oder Räubers zu stellen!“
Blackie sah in die Runde. „Nun, die Welt hat sich bei den Menschen erstaunlich entwickelt, manche Sachen sind gut, andere sind, naja, sollen sie behalten. Aber das ist nicht der Punkt, ich möchte, dass ihr versteht, wo unser Problem sein werden.“, erklärte Blackie geduldig, „Ihr müsst verstehen: Wir müssen uns darauf verständigen, *wen* wir hier einladen. Und da bin ich für Gäste, aus einer Mischung von Mittelalter-Fans, Furries und Fantasy-Spieler – für sie ist unsere Welt verständlich, aber eher ein Konstrukt. Ein Spiel zur Unterhaltung. Wenn sie am Lagerfeuer große Reden schwingen und den Wölfen ewige Treue schwören, dann nennen die das ‚immersives Roleplay‘. Wenn unsere Wölfe dann aber am nächsten Morgen vor ihrem Zelt stehen und den Erstgeborenen oder eine Jagdschuld einfordern, rufen die Menschen nach etwas, das sie ‚Orga‘ nennen, und beschweren sich lauthals über ‚übergriffige NPCs‘.“
Das Gremium starrte ihn verständnislos an. Ein Barde trank einen Schluck Tee, und meinte trocken: „ Ich weiß, ich werde die Fragen bereuhen, aber was bei allen Geistern der Ahnen ist eine Orga, oder ein NPC?
Und was bitte soll das sein, ein „Furries“?“